Wie sind Sie auf den Barhocker als Requisite gekommen?

Der Hocker begleitet mich nun seit fast 15 Jahren. Die Idee entstand bereits zwei, drei Jahre früher, während einer Porträt-Sitzung, bei der zufällig ein Barhocker mit am Set war. Ich war schon länger auf der Suche nach einer gewissen Konstante in meinen Shootings, quasi als Gleichmacher für die Protagonisten. Ein Gegenstand, der Seele und Geschichte mit in den Prozess bringt – genauso wie die Porträtierten selbst. Für mich ist der Barhocker, oder genauer gesagt der gemeine Kneipenhocker, eines der demokratischsten Möbelstücke überhaupt: Fast jeder hat bereits auf ihm gesessen, sich betrunken, Geschichten erzählt, gelacht, sich ausgeweint, seine Einsamkeit erlebt oder neue Freundschaften geschlossen – das passende Möbel für eine Porträtserie also. Nur einen zu bekommen, war gar nicht so einfach, kein Kneipier gibt ihn gern her. Daher gilt mein tiefer Dank Frank, dem Inhaber und Wirt der Windmühle in Fulda.

Was ist das Besondere an einem Porträt auf dem Barhocker?

Der Hocker bringt eine ganz eigene Energie mit sich. Losgelöst aus seiner normalen Alltagswelt, der Kneipe, betritt er einen neuen Wirkungsraum. Aber letztlich geht es um das Zusammenspiel zwischen einem Sitzmöbel und einem Menschen – beide begegnen sich auf Augenhöhe und sind ebenbürtig. Es gibt kein besser oder schlechter, kein wichtiger oder nichtiger. Die Bedeutung ergibt sich während des Shootings. Manchmal funktioniert es im ersten Moment, manchmal braucht es etwas Zeit, dass sich beide aufeinander einlassen. Diesen Prozess zwischen dem Protagonisten und dem Hocker zu beobachten ist das Spannende.

Nach welchen Kriterien suchen Sie die Protagonistinnen und Protagonisten aus?

Mir geht es bei meinen Protagonisten um die inneren Werte, die Energie, um eine spannende Story, die die Menschen auf dem Hocker einmalig und sie besonders macht. Keine Potemkin’schen Inszenierungen, keine abstrusen Schönheitsideale, sondern echte und wahre Menschen. Es geht weniger um Ruhm oder Geld als um Herz und Seele. Danach suche ich die Menschen aus. Man kann den Platz auf dem Hocker in dieser Serie nicht kaufen aber man kann sich dafür bewerben.

Sie setzen die Personen in Beziehung zu ihrem Beruf oder ihrer Tätigkeit …

Das ergibt sich einfach aus der Tatsache heraus, dass die Protagonisten genau diese, ihre Tätigkeit aus einer Berufung heraus machen. Das ist ja oft eine tiefe Herzensangelegenheit und prägt die Person ungemein. Meist geht es auch gar nicht darum, was die Protagonisten beruflich machen, sondern wie sie es machen. Manchmal löse ich die Protagonisten auch ganz bewusst aus ihrem gewohnten Umfeld, um mit den Gegensätzen zu spielen. Einen Gärtner in einen Garten zu platzieren wäre doch langweilig. Mancher braucht aber seine vertraute Umgebung, in der er sich sicher fühlt, um sich so zu zeigen, wie er wirklich ist. Und wenn das geschieht, entstehen wundervolle Bilder.

Wie verändert sich der Ausdruck eines Menschen, wenn er auf einem Barhocker sitzt?

Das Platznehmen auf dem Hocker bewegt tatsächlich etwas in meinen Protagonisten. Ich glaube, innerer Frieden, Stille und auch ein wenig Ehrfurcht – diese Gefühle treffen es am besten. Manche sind völlig gelassen, andere rücken noch etwas nervös herum. Aber relativ schnell kommen alle zur Ruhe. Und darum geht es mir ja – um das Innere der Menschen, um ihr Sein und um ihr Strahlen.

Wie gehen Sie beim Fotografieren vor?

Es gibt keine Richtlinien, ich folge meiner Intuition. Ich nehme mir Zeit, meinen Gegenüber so gut es geht, kennenzulernen. Oft vergessen die Leute einfach die Kamera… Weder Licht noch Setting sind großartig geplant. Natürlich achte ich aber immer darauf, dass mein Protagonist in einem guten Licht dasteht. Oder wie es einmal eine Kundin sagte: würdevoll.

Sie haben sich für Schwarzweiß entschieden …

Ted Grant sagte einmal: „Wenn du Menschen in Farbe fotografierst, dann fotografierst du ihre Kleidung. Wenn du sie in Schwarzweiß fotografierst, dann fotografierst du ihre Seelen.“ Und genau darum geht es mir. Es sind die Menschen, die wichtig sind, ihre Persönlichkeit, ihre Essenz, und das, was sie davon zeigen, wenn sie auf dem Hocker sitzen. Dafür braucht es keine Farbe, die würde nur ablenken. Ein Gesicht, seine Falten und Zeichen des Lebens kommen für mich erst so richtig in Schwarzweiß zur Geltung.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Leica M10 gemacht?

Ich arbeite seit fast fünf Jahren mit der M10, also fast so lange es sie gibt. Die Kamera liegt perfekt in der Hand und lässt sich intuitiv steuern, ohne dass man vom Objekt oder der Arbeit abgelenkt ist. Genau so muss es für mich sein. Das Großartige ist, dass ich alle Einstellungen auch schon im Vorfeld vornehmen kann. Wenn das Bild in meinem Kopf fertig ist, nehme ich die Kamera und mache das Foto. Es mag merkwürdig klingen, aber manchmal scheint es, als wäre die Kamera eine natürliche Verlängerung meiner Hände und Augen. Sie ist mehr Begleitung und Freund als nur umgehängte Technik.

Wie ist eigentlich die Resonanz der Porträtierten auf den Barhocker?

Da gibt es ganz unterschiedliche Reaktionen. Im Januar habe ich zum Beispiel in Tiruvannamalai in Indien eine Kokosnuss-Verkäuferin an der Straße vor ihrem Stand fotografiert. Plötzlich steckte ein Sadhu, ein Mann, der sich ganz dem religiösen Leben verschrieben hat, seinen Kopf über meine Schulter und schaute sich mit uns die Bilder an. Seine gänzliche Güte und nahezu kindliche Freude waren dabei zu spüren, und so lud ich ihn ein, ebenfalls auf dem Hocker Platz zu nehmen. Wir stellten ihn auf die Straße, wer Indien halbwegs kennt, weiß, was dort los ist … meine Begleitung hielt so gut wie möglich den Verkehr von uns fern, inmitten des ganzen Trubels und Lärms entstand ein einmaliges und friedvolles Bild – nahezu ein magischer Moment.

Reisen Sie immer mit diesem Barhocker um die Welt?

Ja, es gibt nur diesen einen. Vielleicht treffe ich im Laufe der Jahre nochmal auf einen anderen, der eine ähnliche Seele mitbringt. Aber grundsätzlich ist es die Energie dieses Hockers. Und solange er nicht kaputt geht, bleibt er auch.